„Sprache ist ein Kuschelfaktor“

Thede Boysen kümmert sich als Minderheitensekretär in Berlin um die Rechte von Dänen, Friesen, Sorben und Sinti und Roma. Ein Gespräch über nicht-deutsche Identitäten in Deutschland

Herr Boysen, Sie sind Friese. Haben Sie eigentlich einen Friesennerz? 

Thede Boysen | Foto: Miguel Ferraz
Thede Boysen | Foto: Miguel Ferraz

Thede Boysen: Nein, schon lange nicht mehr. In den 80er-Jahren hatte ich so einen Regenmantel.

Und wie halten Sie es mit friesischem Brauchtum?

Wenn Sie Trachten meinen, weiß ich, dass meine Landsleute das sehr toll finden. Das hat wohl etwas mit den Stereotypen zu tun, die auf das Friesische bezogen werden. Ich glaube, die nehmen das gerne auf, weil das ein positives Feedback bringt, wenn man dann dem Stereotyp entspricht. Und wenn die Leute Spaß dran haben – warum nicht? Das ist ja nicht gefährlich. Aber ich selbst, ich kostümiere mich nicht.

Wir sitzen für das Interview in der Kate des Altonaer Museum. Wie gefällt’s Ihnen denn hier?

Gut, ist aber eben Museum und klischeehaft. Aber das ist wohl bei den Medien so. Wir Friesen kommen nicht aus unseren Klischees raus: Wir sitzen alle auf einer Hallig, tragen einen Buscherump …

 ein Fischerhemd …

… und haben eine Prinz-Heinrich-Mütze auf dem Kopf. Wir sind zwar ein modernes Volk, werden aber nur als Hüter der Tradition wahrgenommen.

Traditionen mögen Sie nicht?

So würde ich das nicht sagen. Traditionsbewusstsein und Moderne kann man gut verknüpfen. Aber man kann Tradition auch als Schutz- und Rückzugsraum sehen. Die moderne Welt ist böse, es ist alles schlimm draußen und wir ziehen uns zurück in eine solche folkloristische Kate. Die Versuchung liegt sehr nahe. Aber man kann das auch anders wenden, aus der Tradition reflektieren, was die Voraussetzungen für unser Freiheits- und Unabhängigkeitsverständnis sind.

Woher kommt das?

Wir Friesen sind ein Volk, das nicht staatsbildend gewesen ist. Das hat viele Nachteile, aber für die Werte in einer freiheitlichen Gesellschaft auch viele Vorteile.

Zum Beispiel?

Dass man eher die Courage hat zu sagen, nicht mit mir, das ist nicht richtig. Aber das muss man auch heute unter den Friesen durchsetzen.

Wie leben Sie Ihr Friesentum?

Wie eine Selbstverständlichkeit. Es ist aber auch ein ständiger Kampf um Anerkennung. Es geht um den Respekt für meine Sprache und meine Kultur in der Gesellschaft. Ich wehre mich gegen die Abwertung, die sie durch die Mehrheitsgesellschaft und die öffentlichen Instanzen erfährt durch die Definitionshoheit des Deutschen.

Wo sehen Sie sich denn diskriminiert?

Ich bezahle zum Beispiel Rundfunkgebühren und bekomme keine Grundversorgung in meiner Sprache. Obwohl wir seit historischer Zeit zum heutigen Sendegebiet des NDR gehören, zählen wir nicht zum Kanon der Pluralität der NDR-Oberen.

Worauf führen Sie das zurück?

Friesisch gehört offensichtlich nach NDR-Verständnis nicht zum bildungsbürgerlichen Kulturgut, hat also auch nichts in dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu suchen. Das sieht bei MDR und RBB ganz anders aus, da werden Minderheiten-Programme als gelebte Pluralität verstanden. Es gibt mehrere Stunden sorbisches Programm pro Tag, es gibt sorbische Fernsehsendungen. Wir Friesen haben im NDR drei Minuten Sendezeit pro Woche zur schlechtesten Sendezeit.

Warum ist Ihnen die Sprache so wichtig?

Sprache transportiert Werte, Miteinander. Im Friesischen gibt es zum Beispiel eigene Worte für das Besuchen von Kranken, für das Besuchen von Verwandten und Nachbarn zwischen Weihnachten und Heilige Drei Könige, wo das Deutsche sprachlos ist. Sprache gibt mir auch eine gewisse Intimität, die ich nicht habe, wenn ich Deutsch oder Englisch spreche. Das ist der Kuschelfaktor, den das Friesische hat. Der ist für die friesischen Aktivitäten ganz wichtig.

Wie haben Sie Friesisch gelernt?

Friesisch ist meine Muttersprache. Ich hatte das Privileg als einer der ganz wenigen Friesen, auf Friesisch alphabetisiert zu werden. Das war eine Minderheitenschule, wo meine Lehrerin Marie Tångeberg aus ihrem Bildungsverständnis heraus auf Friesisch unterrichtet hat, weil sie davon überzeugt war, dass Kinder in ihrer Muttersprache alphabetisiert werden müssen.

In welcher Sprache reden Sie mit ihren Kindern?

Mit denen rede ich Friesisch.

Und ihre Frau redet dann mit denen Deutsch?

Nein, wir machen uns das einfach und reden beide Friesisch mit denen.

Wie lernen die Kinder dann Deutsch?

Das geht über den Alltag, Schule und übers Fernsehen. Dänisch lernen sie in Kindergarten und Schule. Diese Mehrsprachigkeit ist für unsere Gegend nicht ungewöhnlich. Das deutsche Bildungssystem hat unsere Region jedoch auf eine Sprache runtergebracht. Es ist ein Produkt der preußischen Moderne, dass man sagt, ordentliche Staatsbürger und ordentliche Soldaten bekommt man nur, wenn die nur eine Sprache sprechen. Wer nicht einsprachig deutsch ist, ist eben ein unzuverlässiger Kantonist.

Wer ist denn Friese?

Jeder, der etwas dafür tut. Grundlage für dieses Bekenntnisprinzip sind die Bonn-Kopenhagener Erklärungen: Däne ist, wer Däne sein will. Ich meine, das greift aber nicht weit genug. Wir Friesen haben weder einen Staatsapparat noch bekommen wir Millionen-Zuschüsse. Darum müssen wir uns auf unsere lange Selbstverwaltungstradition besinnen und es selber machen. Wille plus konkretes Handeln. Wer nicht deichen will, muss weichen.

Sie sind Minderheitensekretär und vertreten neben den Friesen auch Sorben, Dänen und Sinti und Roma. Was haben die gemeinsam?

Wir sind deutsche Staatsbürger mit einer einheimischen nicht-deutschen Identität und müssen trotzdem um Respekt kämpfen, um unsere Rechte als Bürger. Unsere Kultur muss von der öffentlichen Sphäre genauso behandelt werden wie die deutsche Kultur – und nicht von oben herab. Die anderen müssen uns so nehmen wie wir sind, in der Form wie wir leben – kritisch, aber mit Respekt.

Der fehlt?

Ja. Es gilt die Norm: Deutsch. Und dann wird gesagt: „Ihr seid fremd. Ihr redet eine Geheimsprache.“

Was ist Ihr Ziel?

Die Linie, die wir verfolgen ist: Uns gehört die Hälfte des Himmels, ich klaue das mal vom Feminismus. Öffentliche Einrichtungen müssen in dem Sinne kulturpolitisch neutral sein, müssen sich öffnen und Toleranz üben. Ich kämpfe zum Beispiel dafür und mit mir viele Friesen, dass Friesisch in den Schulen gelehrt wird, dass Friesisch in die Öffentlichkeit kommt. Die Minderheiten-Kulturen sind eine Bereicherung, ohne dass es zu Lasten des Deutschen geht.

In Schleswig-Holstein wird darüber diskutiert, Sinti und Roma als Minderheit in die Verfassung aufzunehmen – wie Dänen und Friesen. Warum ist das so schwer?

Das liegt wohl an den Vorurteilen, die es gibt. Manche glauben: Wenn die deutschen Sinti und Roma einen Status als anerkannte Minderheit bekommen, kämen auch Roma aus Rumänien und Tschechien nach Deutschland und werden den Status beanspruchen. Und es gibt rund zwölf Millionen Roma und Sinti in Europa. Für viele sind Roma nur die Bettler in den Großstädten. Ich glaube, Politiker fürchten, dass dieses berechtigte Anliegen den Bürgern nicht zu vermitteln wäre. Das ist ein Thema, das keine Wählerstimmen bringt.

Warum haben es da die anderen Minderheiten einfacher?

Ein paar trachtentragende Sorben, die sind in der Wahrnehmung unschädlich, harmlos. Das gleiche gilt für die Friesen und die Dänen. Dass Friesen jemanden überfallen, ist kein plausibles Schreckensszenario, die letzten „Sorbenkriege“ liegen Urzeiten zurück. Aber Sinti und Roma unterstellt man wider aller Vernunft, dass sie stehlen. Da kommen wir schnell in den irrationalen Bereich, einer Art gelben Gefahr, was weiß ich. Ich fürchte, die Politiker glauben nicht, das am Stammtisch durchstehen zu können.

Wie sehen Sie als Vertreter der nationalen Minderheiten eigentlich die Integrationsdebatte?

Mir sind die Probleme der Migranten nicht fremd. Ich werde, wenn ich Friesisch spreche, auch als Fremder angesehen. Friesisch zu sprechen gilt als abweichendes Verhalten. „Die sind anders, die sprechen anders – auch mit ihren Kindern“, heißt es dann. Das sind Erfahrungen, die man als Friese hat und die es einem erleichtern, sich in Migranten hineinzuversetzen. Wer Türkisch mit seinen Kindern spricht, gilt auch als nicht angepasst, nicht integriert.

Und wie stehen Sie dazu?

Das sehe ich natürlich anders. Ein Kind mit türkischen Eltern muss sogar zu Hause Türkisch sprechen; das ist überhaupt als Grundlage für den deutschen Spracherwerb zu sehen. Daher müssen diese Kinder sowohl beim Lernen ihrer Muttersprache wie beim Erlernen von Deutsch außerhalb der Familie unterstützt werden.

Thede Boysen, 47, ist in Niebüll aufgewachsen und wohnt in Flensburg. Friesisch ist seine Muttersprache – er spricht auch Deutsch, Dänisch und Englisch. Sein Abitur hat er an einem dänischen Gymnasium in Flensburg gemacht. Er studierte an der Uni Konstanz Verwaltungswissenschaft und ist heute Leiter des Minderheitensekretariats in Berlin. Das vertritt die Interessen von Roma und Sinti, Dänen, Friesen und Sorben, die vier nationalen Minderheiten in Deutschland. Der Kulturverein der dänischen Minderheit, Sydslesvigsk Forening (Südschleswigscher Verein), betreibt das Büro, das Bundesinnenministerium finanziert es. Boysen ist Vorsitzender des Vereins Nordfriesisches Institut, Vorstandsmitglied im Friisk Foriining (Friesischer Verein) und Teil des Friesenrats Sektion Nord. Er ist SPD-Mitglied und war 2010 in Flensburg Oberbürgermeister-Kandidat.

Dieser Text erschien in der taz.nord vom 14.2.2011 und auf taz.de.

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