Die Zeitung für Oma Hansen

Die „Flensborg Avis“ ist das Medium der dänischen Minderheit in Deutschland. Wie unabhängig ist sie?

Sie haben sich zwei Jahre lang gewehrt, auf allen Ebenen mobilisiert: Es gab emotionale Landtagsreden, große Demonstrationen mit vielen Kindern und Druck von Diplomaten. Die dänische Minderheit im Norden Schleswig-Holsteins kämpfte geschlossen dagegen, dass die Landeszuschüsse für ihre Schulen gekürzt werden, wie es die damalige schwarz-gelbe Landesregierung tat. Das Medium des Protests war die Flensborg Avis, die Zeitung der Minderheit. Wo sie stand, war nicht zu übersehen: Sie kämpfte gemeinsam mit dem Südschleswigschen Wählerverband (SSW) und anderen Organisationen der dänischen Minderheit.

Am 24. Mai dieses Jahres verkündete die Avis schließlich den politischen Sieg der Minderheit auf dem Titel, auf Dänisch natürlich: „Missionen er fuldført“ – „Die Mission ist erfüllt“. Das Wörtchen „næsten“ (fast) steht klein über den großen Lettern. Das war kurz nach der Landtagswahl, SPD, Grüne und der SSW verhandelten über ihre Koalition. Die SSW-Spitzenkandidatin Anke Spoorendonk, inzwischen Justiz- und Kulturministerin in Kiel, konnte in der Flensborg Avis verkünden: Die zukünftigen Regierungspartner wollen die Kürzung zurücknehmen.

Inzwischen regiert der SSW erstmals im Norden mit. Was heißt das für die Minderheitenzeitung? Wird sie zu einer Regierungszeitung?

Die Flensborg Avis berichtet intensiv über den SSW, meist recht wohlwollend. Eine Parteizeitung ist sie qua Besitz nicht, der Verlag ist als Aktiengesellschaft organisiert und hat rund 1.500 Aktionäre. Doch es gibt und gab Verflechtung zwischen Partei und Zeitung. Karl Otto Meyer war von 1963 bis 1983 Avis-Chefredakteur – und zeitweise parallel Vorsitzender und Landtagsabgeordneter des SSW. Heute führt Meyers Sohn Flemming den SSW, Partei- und Fraktionssprecher Per Dittrich war früher Redakteur bei der Flensborg Avis.

Die 1869 gegründete Flensborg Avis versteht sich vor allem als Lokal- und Debattenzeitung, berichtet aber auch über nationale und internationale Themen. Sie erscheint zweisprachig, wobei die meisten Texte auf Dänisch sind. Politikredakteur Raning Krueger sitzt an seinem Schreibtisch im 80er-Jahre-Zweckbau-Redaktionsgebäude in einem Flensburger Gewerbegebiet und erklärt: „Wir haben ein kritisch-solidarisches Verhältnis zu den Minderheitenorganisationen. Wenn es um die übergeordneten Interessen der dänischen Minderheit geht, sind wir solidarisch.“ Bei solchen Themen sei das Blatt auch schon mal undiplomatischer als der SSW oder andere Organisationen. „Wir sind kein Mitteilungsblatt, wir sind eine unabhängige Tageszeitung“, sagt Krueger. Warum schaffen es Entwicklungen und Beschlüsse des SSW dann so oft auf die Titelseite der Zeitung? „Weil es von Interesse für die Leser ist.“ Wer in der Minderheit sei, wolle wissen, was in der Minderheitenpartei passiere.

Krueger erzählt von einem kritischen Leitartikel, in dem es um die Elternbeteiligung an den Schultransportkosten geht – auf die Landkreise bald wieder verzichten dürfen. Krueger nennt diesen Beschluss, der vom SSW mitgetragen wird, darin „höchstens die zweitbeste Lösung“, auch wenn sie besser sei als die alte Regelung.

Hinter Kruegers Schreibtisch hängen Kalender mit Motiven aus Norwegen und ein Plakat, das für ein Jahrestreffen der Minderheit wirbt. Es preist den Zusammenhalt der dänischen Minderheit mit Dänemark – dem „Königreich“, wie in der Redaktion schon mal gesagt wird. Der ist ökonomisch überlebenswichtig: Über 3 Millionen Euro betrug der Zuschuss des dänischen Staats für die Flensborg Avis im Jahr 2011, das ist etwa die Hälfte der Einnahmen des Verlags. Über die Förderung wacht ein Ausschuss des dänischen Parlaments, diese Politiker entscheiden jedes Jahr aufs Neue über die Zukunft der Zeitung. Laut Krueger nehmen sie aber keinen inhaltlichen Einfluss.

Außerhalb der Minderheit spielt die Flensborg Avis keine große Rolle – allein wegen der geringen Auflage und der Sprachbarriere. Doch wahrgenommen wird die Minderheitenzeitung, Artikel aus der Avis landen im Pressespiegel von Landtag und Landesregierung. Den liest man auch in der CDU-Fraktion, die wegen der Kürzung der Zuschüsse für die Schulen in der Avis deutlich angegriffen wurde. Doch Axel Bernstein, der medienpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, bleibt diplomatisch: Es könne nicht überraschen, dass die Redaktion der Flensborg Avis schleswig-holsteinische Landespolitik vorrangig aus dem Blickwinkel der Minderheit betrachte, sagt er. „Vor allem im letzten Landtagswahlkampf wurde dies besonders an den Überschriften und Kommentaren deutlich.“

Seit der Regierungsbeteiligung schreibe er weniger über den SSW, sagt Redakteur Krueger. „Das liegt daran, dass er nicht mehr so forsch mit seinen Forderungen ist.“ Er will nur über das berichten, was unmittelbare Auswirkungen für „Oma Hansen“ – so nennt Krueger seine Durchschnittsleserin – hat. Zur besonderen Beobachtung der SSW-Ministerin Anke Spoorendonk sieht er keinen Anlass: „Ich werde nicht mehr über Kultur- und Justizthemen schreiben, nur weil die Ministerin von der Minderheit gestellt wird.“

Das blieb auch so, als Spoorendonk das erste Mal eine kleine Krise meistern musste. Richterverbände in Schleswig-Holstein hatten sich über einen Anruf ihres Hauses bei einem Gericht beschwert, das über die Fortsetzung der Observation eines freigelassenen Straftäter zu entscheiden hatte. Die Verbände befürchteten Beeinflussung. Spoorendonk versicherte mehrfach, dass sich ihr Mitarbeiter nur informiert habe. Die Flensborg Avis veröffentlichte zu diesem Fall vor allem Berichte der Nachrichtenagentur dpa. Landespolitik-Redakteur Krueger sagt, er habe die Vorwürfe in anderen Texten über die Landespolitik des SSW erwähnt.

Ministerin Spoorendonk ist mit der Zeitung aufgewachsen. „Sie gehört für mich dazu“. Für die Minderheit sei die eigene Zeitung von „existenzieller Notwendigkeit“, dort würde für Themen aus der Minderheit die Öffentlichkeit hergestellt. Auch für den SSW sei die Flensborg Avis das wichtigste Medium, so Spoorendonk, weil sie „besondere Perspektiven, für die der SSW steht“, aufgreife. Die Avis sei aber kein Vereinsblatt – darauf habe sie auch als Leserin keine Lust: „Ich will kein unkritisches Nachgeplapper lesen müssen.“ Ein Beispiel für eine deutliche Kritik der Zeitung an SSW-Politik fällt ihr im Gespräch mit der taz jedoch nicht ein.

Seit der Wahl habe sich die Zeitung wenig verändert, sagt Spoorendonk. Sie klingt, als hätte sie sich da noch mehr erhofft: „Die Flensborg Avis hat immer noch nicht die Chance gesehen, auch mal die Ministerin zu fragen, wie sie denn jetzt die Landespolitik beobachtet oder beurteilt.“

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